Blick in die Kulturland(wirt)schaft

23.04.2020 10:44:56 | Kulturrat, Volkswirtschaft Berner Oberland
Die Landschaft als wichtigstes Kulturgut – Michi Gehret, Mitglied des Kulturrats, setzt sich für mehr Selbstbestimmung der Landbevölkerung und eine gesunde Entwicklung der Landwirtschaft ein (Gastbeitrag).

Im Kulturrat sehe ich mich als Vertreter der Täler und Randregionen des Berner Oberlandes und kämpfe für das wichtigste Kulturgut: unsere Landschaft.

Angeblich geschützt wird unsere Natur- und Kulturlandschaft von den Studierten der Städte seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit wuchsen die Städte enorm und Wohlstand kehrte ein. Die Stadtbevölkerung vermisste die frische Landluft und erste Schutzorganisationen entstanden. Das über Jahrhunderte entstandene Landleben veränderte sich in den 1960er Jahren von seiner naturbezogenen, nachhaltigen Harmonie hin zur Massenproduktion. Auch wenn die Politik die Konsequenzen der Übernutzung schon früh spürt, scheint es schon zu spät für eine Wende. Die grossen Märkte beherrschen die Preise und gute, regionale und ökologische Bewegungen werden von Grossverteilern (70 Prozent der Nahrung wird bei ihnen gekauft) übernommen und ausgeschlachtet.

Die Angst vor dem Waldsterben und der starke Tierschutz machen unserer Kulturlandschaft ebenfalls zu schaffen. Viele Menschen, die den Bezug zur Natur verlieren, sehen im flächenwachsenden Wald, im Bau von Laufställen und der Herdenvergrösserung keine negativen Auswirkungen. Liegen sie richtig? Das Berner Oberland konnte dank seiner guten Durchmischung von Tourismus und Landwirtschaft noch weit in die 1990er Jahre viele kleingliedrige Höfe bewahren und verliert erst jetzt seine alte Struktur. Die Raumplanung muss erkennen, dass ihre Aufgabe im urbanen Raum liegt und nicht in den gewachsenen Streusiedlungen der Alpen. Die Geschichte zeigt uns, dass das Berner Oberland mit einem Mix aus nachhaltigem Tourismus und Bewirtschaftung einen guten Weg gefunden hat, den wir selbstbewusst verteidigen müssen.

Sie spüren meinen Frust, welcher wegen des Verhaltens vieler Organisationen wächst, deren Vertreter ohne Konkurrenz willkürlich handeln und uns bevormunden. Frust wegen Bundesämtern, die von Grosskonzernen gesteuert werden und unseren Einsatz belächeln. Die Landbevölkerung wird zu Unrecht als rückständig angesehen: Es wird städtische Kultur gefördert und selbst bei ästhetischen Fragen, bei welchen eine regionale Differenzierung wichtig ist, wird durch «qualitätssichernde» Massnahmen eine städtische Vereinheitlichung gefördert. Ich beziehe mich bei sämtlichen Aussagen auf die Studien des renommierten Alpenforschers Werner Bätzing, dessen Bücher ich wärmstens empfehle. Ich kämpfe auch mit meinem Verein schür.li weiter für die Umnutzung (ohne äussere Veränderungen) von historischen Gebäuden und mit dem Hornlabel.ch für eine gesunde Landwirtschaft. Durch die Vermietung der Schürli kann sich die Landwirtschaft auf Qualitätssteigerung und gegen Massenproduktion konzentrieren – für unser wichtigstes Kulturgut Landschaft.

Buchtipps von Michi Gehret:
Das Landleben (Autor Werner Bätzing)
Die Alpen (Autor Werner Bätzing)