Die Kultur und das Virus – Eine Chance für digitale und analoge Innovation

14.05.2020 11:18:44 | Kulturrat, Volkswirtschaft Berner Oberland
Mit der Covid-19-Krise habe ein Umdenken stattgefunden, welches die Kultur- und Kreativbranche nachhaltig und – durchaus positiv – prägen könnte. Im seinem Artikel zeigt Kulturrat-Mitglied Jörg Weidmann auf, dass die Branche endlich als Wirtschaftszweig ernst genommen wird. Zudem sei man sich vermehrt bewusst geworden, dass Kultur die Gesellschaft zusammenhält. Ist es aber richtig, dass der durch die Krise ausgelöste digitale Schub nun hauptsächlich kostenlose Angebote geschaffen hat? Und wie wollen wir künftig Kultur erleben? (Gastartikel)
Eins ist sicher: Die letzten Wochen werden wir nicht so schnell vergessen. Der Lockdown hat auch die Kultur- und Kreativbranche hart getroffen. Die etappenweise Lockerung der Massnahmen – seit 12. Mai können z.B. Museen und Bibliotheken wieder öffnen – bedeutet ein erstes Licht am Ende des Tunnels. Das Verbot von Grossanlässen bis vorerst Ende August oder das Social Distancing prägen das Kulturleben aber noch lange.

Die kurzfristigen Auswirkungen der Corona-Krise führten im Berner Oberland – wie weltweit – zu einem kulturellen Stillstand: geschlossene Kultur- und Kongresszentren, Theater, Galerien, Museen, Kinos und Musiklokale und verschobene oder abgesagte Jodlerabende, Freiluftaufführungen, Konzerte, Klassik- und Pop/Rock-Festivals. Dabei unterschied das Coronavirus nicht zwischen kleinen Anlässen und Mega-Festivals mit tausenden Besuchenden und Umsätzen in Millionenhöhe.

Nach diesem ersten Schock wurde schnell klar, dass mit dem Lockdown auch die Einkünfte und Einkommen von Kultur- und Kreativschaffenden wegbrachen. Insbesondere Selbständige und Freischaffende waren in ihrer Existenz bedroht. Innerhalb kürzester Zeit rauften sich Berufsverbände und das Bundesamt für Kultur zusammen und schnürten ergänzend zu den gesamtwirtschaftlichen Massnahmen ein Paket zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen. Für Kulturunternehmen, Kulturschaffende und Kulturvereine im Laienbereich sprach der Bundesrat Gelder in der Höhe von 250 Millionen Franken. Ob das ausreicht, ist unklar.

Diese dramatischen Folgen waren rasch erkennbar. Daneben gibt es meiner Meinung nach bemerkenswerte Beobachtungen und Erkenntnisse, die langfristig wirken und die Kultur- und Kreativbranche nachhaltig und – durchaus positiv – prägen könnten. Meine nachfolgenden Überlegungen will ich als Anregung zur Diskussion verstehen.

Wurden Kulturschaffende und Kreative in der Vergangenheit nicht selten belächelt, der Wert der Kultur für die Gesellschaft generell in Frage gestellt, so hat mit der Covid-19-Krise ein Umdenken stattgefunden. Die gähnende kulturelle Leere, wirtschaftliche Folgen für Kulturschaffende und -unternehmen, wegfallende Veranstaltungen und Anlässe mit regionaler oder nationaler Ausstrahlung und wegbrechende Einnahmen für Tourismus, Gastronomie und Gewerbe haben zu einem Umdenken in der breiten Öffentlichkeit geführt. Die Kultur und damit die Kulturschaffenden haben durch die Krise endlich die breite gesellschaftliche Wertschätzung erhalten, die ihnen zusteht. Der Frutiger Musiker Christoph Trummer hat es auf den Punkt gebracht: «Zum ersten Mal wird unsere Branche als Wirtschaftszweig ernst genommen» (Berner Zeitung vom 16. April 2020). Die Kreativökonomie (500'000 Arbeitskräfte in der Schweiz erarbeiteten 2018 einen Anteil von 48 Milliarden Fragen am Bruttoinlandprodukt) ist ein starker Wirtschaftsfaktor – auch im Berner Oberland.

Neben dem wirtschaftlichen Nutzen der Kultur rückten auch andere Aspekte – in der Volkswirtschaftslehre als «positive externe Effekte» bezeichnet – ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Kultur hat identitätsstiftende, imagefördernde, integrative und bildendende Funktionen, fördert den Dialog und die Auseinandersetzung mit der Umwelt und den Mitmenschen. Kultur kann aber auch unterhalten, kann einfach «nur» schön sein und die Menschen erfreuen und glücklich machen. Kultur stärkt und hält die Gesellschaft zusammen – ein immenser Nutzen, der nicht mit Geld messbar ist.

Wie im Bildungswesen erfasste ein regelrechter Digitalisierungsschub die Kultur. Konzerte und DJ-Sets im Live-Streaming, KünstlerInnen-Gespräche im Facebook, Podcast, Video- und Audiodokumentationen, digital zugängliche Museums-Sammlungen und virtuelle Ausstellungsführungen schwappten wie eine Lawine über das World Wide Web in unsere Stuben. Tagtäglich entstanden neue virtuelle Formen und Formate. Einiges wurde professionell realisiert, Vieles wirkte improvisiert, zeugte aber umso mehr von Kreativität und Engagement. 

Die Flut von Angeboten überforderte aber zuweilen den Schreibenden, die private «Corona-Ästhetik» mit schwach beleuchteten Köpfen vor Ikea-Büchergestellen im Hintergrund verlor schnell seinen Reiz und nach einem Tag im Home-Office am Abend vor dem Computer-Bildschirm noch Kultur zu «geniessen», war oft nur noch ein leeres Konsumieren.

Bei allem Hype um die digitale Kultur: Die virtuelle Kultur hat Grenzen. Auch noch so gut und aufwändig produzierte Wohnzimmerkonzerte im Facebook können das Live-Erlebnis inmitten von schwitzenden und fröhlichen Menschen auf dem Openair-Gelände nicht ersetzen. Und wenn die Opernsängerin Anna Netrebko in der aufgezeichneten Oper zur Arie ansetzt, entsteht (mindestens bei mir) keine Gänsehaut. Eine Museumsführung im Internet, möge sie noch so genial und inspirierend sein, ist kein gleichwertiger Ersatz für die unmittelbare Begegnung mit dem Kunstwerk und für das Aufbauen einer persönlichen Beziehung zwischen dem Betrachtenden und dem Objekt.

Trotz oder gerade wegen der Digitalisierung bleibt die Beobachtung, dass Kultur oftmals nur durch die physische Anwesenheit eines Gegenübers – sprich Publikum – am Ort des Geschehens – funktioniert. Bücher und Musik können zwar daheim gelesen und gehört werden. Doch Musikerinnen und Autoren verdienen mit dem Verkauf ihrer Werke verschwindend wenig – im Gegensatz zu den Gagen von Lesungen und Konzerten.

Ein Museum sei «ein physischer Ort, an dem man Objekte anschauen und sich mit anderen Leuten austauschen kann», findet etwa der Direktor des Alpinen Museums in Bern, Beat Hächler. In spezifischen, räumlich klar begrenzten, Kulturorten wie Museen oder Theatern ist der Bewusstseinsgrad und die Aufmerksamkeit zudem ungleich höher wie vor dem Bildschirm in den eigenen vier Wänden. 

Kulturbegegnungen sind kollektive und soziale Erlebnisse; Kultur führt Menschen zusammen. Der Austausch mit anderen Menschen ist wichtig, um Kultur zu diskutieren und zu verstehen. Kultur erzeugt Emotionen und spricht die menschlichen Sinne an. Die Magie eines Live-Acts, die Aura eines Kunstwerkes: Die Übersetzung in den virtuellen Raum ist verlustfrei nicht möglich und bleibt letztendlich eine Simulation.

Es bleibt festzustellen, dass die primär physisch geprägte Kultur durch den digitalen Raum nicht ersetzt, sondern nur erweitert werden kann. Die «Kulturbotschaft 2021-2026» des Bundesrates ist für die Digitalisierung der Kultur massgebend: Die beiden Schwerpunkte «kulturelle Teilhabe» und «Partizipation» eignen sich hervorragend, digital umgesetzt zu werden. Virtuelle Ansätze, Social Media und Internet mindern Schwellenängste und erleichtern breiten Bevölkerungsteilen den Zugang zur Kultur: Digitale Medien sind geschaffen für kreatives Arbeiten, Austausch und Verbreitung. Gerade in den Tälern und Berggebieten des Berner Oberlands bietet die Digitalisierung eine Chance, Menschen über Kultur miteinander zu verbinden, ohne lange Wege in die kulturellen Zentren unter die Räder zu nehmen. Die digitale Technologie ist zudem dezentral und ortsungebunden.

Einige meiner Kolleginnen und Kollegen mögen es anders sehen – ich will aber festhalten: Es ist nicht verständlich, weshalb gerade während dem Lockdown kulturelle Angebote im Internet zuhauf gratis erhältlich waren: von der Museumsführung über Streaming-Angebote von Schweizer Dokumentar- und Spielfilmen bis zu Kochbüchern eines Schweizer Verlags. Kultur hat seinen Preis: Es steckt genauso ein Aufwand (Arbeit) dahinter, egal ob virtuell oder reell umgesetzt, und Urheberrechte müssen abgegolten sein, damit erst eine Wertschöpfung erzielt werden kann. Es muss also genau überlegt sein, wo und weshalb Kultur im Netz gratis verfügbar sein soll.

Und zu guter Letzt: Wie wird die Corona-Krise unser Kulturverhalten verändern? Wie wollen wir künftig Kultur erleben? Das Virus hat dem zunehmenden Kultur-Gigantismus schonungslos die Grenzen aufgezeigt: Mega-Events mit möglichst vielen Menschen und Menschenansammlungen, kulturelle Massenware und überbordendes kulturelles Konsumverhalten sind zu hinterfragen. Es gilt zu überlegen, wie neue kleinere Formen und innovative Formate geschaffen werden können, um wieder intime und persönliche Begegnungen mit Kultur zu erlauben. Ganz nach dem Motto «klein aber fein». Dazu sind natürlich auch die Förderstellen eingeladen, Eintrittszahlen und Auslastung von Veranstaltungen nicht als entscheidendes Kulturkriterium zu bewerten.

Ob aber digital oder analog: Kultur braucht eine inhaltliche Qualität, soll berühren und eine gewisse Relevanz aufweisen. Kultur muss eigenständig sein und eine Haltung des Kulturschaffenden widerspiegeln. 

Die Krise hat durchaus positive Aspekte und ist gleichsam eine Chance für Veränderungen. Ich fordere daher digitale und analoge Innovationen in der Kultur, die sich gegenseitig sinnvoll ergänzen. Kreativschaffende, Sponsoren, Mäzene, öffentliche und private Förderstellen sind gleichermassen dazu aufgerufen. Damit der Wert der Kultur noch mehr zunimmt, damit Kultur selbstverständlich wird.


  Jörg Weidmann
  Mitglied Kulturrat Volkswirtschaft Berner Oberland
  Selbständiger Kulturunternehmer und
  Studienleiter MAS Kulturmanagement, Hochschule Luzern