Kannst du eigentlich davon Leben?

26.10.2020 10:00:00 | Volkswirtschaft Berner Oberland, Kulturrat
«Kannst du eigentlich davon Leben?», ist die Frage, die dem Frutiger Künstler und Bildhauer Reto Steiner am häufigsten gestellt wird. Lesen Sie im Artikel unseres Kulturratmitglieds, welche Fragen er lieber beantworten würde und weshalb er es wichtig findet, gelernte lokale Handwerker zu berücksichtigen.
 

«Kannst du eigentlich davon Leben?», ist der Favorit unter den Fragen, die ich in Frutigen – meinem Arbeits-, Wohn- und Heimatort – gestellt bekomme. Die ökonomische Lage von uns Künstlern ist tatsächlich problematisch, da unsere Einkünfte aus Verkäufen von gefertigten Arbeiten bestehen. Da die meisten Zeitgenossen Kultur mit dem Schauen von Netflixserien und der Berieselung mit seichter Popmusik verwechseln, konnte ich im Frutigtal noch nie eine Skulptur verkaufen. Seit rund zwanzig Jahren arbeite ich als Künstler mehrheitlich in Frutigen. Klar ist dies selbstverschuldet, ich müsste um die Interessenlosigkeit meiner Mitmenschen an Kunst ja längst wissen. Aber mit der heuchlerischen Frage «Kannst du eigentlich davon Leben?» kann ich zwar leben, aber irgendwie klingt sie leicht zynisch... als ob meine finanzielle Situation jemanden wirklich kümmern würde. Niemand geht mit einem selber gebackenen Gipfeli zum Beck, fragt den Bäcker, ob dieser von seinen Backwaren denn leben könne, und verlässt anschliessend den Laden, ohne etwas gekauft zu haben.

Bei beiden Grosseltern hing in der Wohnstube jeweils ein von einem Künstler gemaltes Bild. Zwar hatten beide Grosselternpaare weder viel mit Kultur am Hut noch die flüssigen Mittel, wie wir sie heute haben – aber einmal in ihrem Leben leisteten sie sich ein professionell gemaltes Bild. Und wie schaut es in der Gegenwart aus? Kennen Sie jemanden in Ihrem Bekanntenkreis, der zumindest einmal im Leben Kunst erworben hat? Heute wird teuer gebaut, und bei Möbeln, Maschinen oder bei der unterhaltenden Kultur – wie beispielsweise bei Konzert- oder Kinobesuchen – wird weniger gespart. Bei der bildenden Kunst (Malerei, Skulptur, Fotografie) aber wird auf Hobbyerzeugnisse zurückgegriffen.

So, genug gejammert… Dafür gibts einen Tipp für die nächste Begegnung mit einem Künstler: Fragen Sie doch den lokalen Maler, Bildhauer oder Fotografen mal nicht, wie es um seine Verdienstmöglichkeiten stehe, sondern zum Beispiel:

  • Woran arbeiten Sie zurzeit?
  • Was möchten Sie mit dem Dargestellten zeigen?
  • Was inspiriert Sie?
  • Welche Materialien benutzen Sie?
  • Welches ist in Ihren Augen Ihr persönliches Meisterwerk?
  • Was kostet dieses Bild? Ich möchte es kaufen.

Klar: Malen, fotografieren oder bildhauen Sie als Hobby ruhig weiter. Aber hängen Sie um Himmels willen diese Augenvergewaltigungen nicht öffentlich auf, sondern überlassen Sie diesen Raum einem Profi. Sie hören ja auch nicht die unbeholfene Musik Ihres dreijährigen Patenkindes oder schauen sich im Kino zwei Stunden ungeschnittene Ferienfilme Ihrer Tante vom letzten Maledivenurlaub an. Oder doch? Dann ist Ihnen nicht mehr zu helfen. Ich zumindest lasse für meine Ausstellungen weiterhin die Metallgestelle vom lokalen Metallbauer anfertigen und meine Skulpturen von einem gelernten Fotografen ablichten, denn Qualität soll auch in der Kultur kein Fremdwort sein. Und im endgültigsten Fall, so Sie mal nicht mehr leben können … Vielleicht subventionieren Sie am Ende meine Kunst quer – mit einem Grabdenkmal. Solches anzufertigen ist nämlich Teil meiner Brotarbeit und eine Chance für Sie, unbewusst zum Kulturförderer zu werden.


www.retosteiner.net


Reto Steiner (*1978) lebt und arbeitet in Frutigen/CH. Nach der Ausbildung zum Steinbildhauer arbeitete er neben seiner Tätigkeit als Künstler und Bildhauer in der Kunstgiesserei Sitterwerk St. Gallen und als Assistent von Markus Raetz. Er schloss 2012 den Master in Contemporary Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern ab. 2017 erhielt er das renommierte Louise Aeschlimann und Margareta Corti-Stipendium und 2021 reist er für sechs Monate nach Berlin ins Atelier der Stadt Thun.