Eine Kolumne ohne das C-Wort

12.11.2020 09:00:00 | Volkswirtschaft Berner Oberland, Kulturrat
In diesen Zeiten eine Kolumne ohne das C-Wort? Eine Herausforderung… In meinem letzten Newsletterbeitrag als Kulturrat-Mitglied versuche ich es trotzdem. Als Ausgangspunkt nehme ich das Wort «Kultur», welches dem Kulturrat der Volkswirtschaft Berner Oberland einen Namensbestandteil beisteuert. Zugleich verbinde ich es mit einem kleinen Rückblick auf die letzten Jahre.
Für meinen letzten Newsletterbeitrag nahm ich mir vor, ohne das C-Wort auszukommen. Es geht nicht um das C in Parteibezeichnungen wie bei der CVP oder der deutschen CDU, sondern um das andere, Sie wissen schon…
Bleiben wir also bei etwas Allgemeinem, beispielsweise dem Wort «Kultur».

Viele Begriffe in unserem Sprachgebrauch sind, wenn man sie genauer fassen will, extrem schwer zu definieren. Fachleute und SpezialistInnen in ihrem Bereich rollen entweder die Augen oder beginnen zu schmunzeln, wenn die nur allzu bekannte Frage «Was ist (oder meint) eigentlich...?» gestellt wird. In diese Reihe komplexer Begriffe gehört sicher auch der Begriff «Kultur».

Es wäre, zumal für den Klassischen Philologen, reizvoll, den Anfängen und der Weiterentwicklung des Begriffs nachzugehen. Doch dazu nur wenige Stichworte: Das lateinische Wort cultura kommt ursprünglich aus der Landwirtschaft und meinte damals die Bebauung des Lands, das Bestellen der Äcker. Im übertragenen, erweiterten Sinn konnte es dann auch die Verehrung, beispielsweise der Götter, oder den sorgsamen Umgang mit etwas Wichtigem meinen. Von dort zu heutigen Begriffen wie dem fröhlichen «Multikulti» oder dem politisch aufgeladenen Wort «Leitkultur» führt ein weiter Weg. An einer Weggabelung, schon in der Antike, spaltete sich dann das Wortfeld «Kult» davon ab.

An dieser Stelle ein kleiner Rückblick auf die Aktivitäten des Kulturrats in den letzten zehn Jahren: Die Volkswirtschaft Berner Oberland verlieh den Kulturpreis an Künstler mit überregionaler Ausstrahlung, zum Teil sogar mit Weltgeltung. Die Sparten bildeten ein schönes Spektrum ab: Da gab es die Literatur, vertreten durch den Autor Lukas Bärfuss, die Sparte Schriftdesign mit dem weltweit einflussreichen Adrian Frutiger, dessen Kreationen und Innovationen uns tagtäglich buchstäblich vor Augen sind, auch wenn das nur die Wenigsten mit dem Namen Adrian Frutigers in Verbindung bringen, die Musik mit Alexandre Dubach und schliesslich «le septième art», den Film, der mit der Preisverleihung an Markus Imboden zu Ehren kam.

Daneben organisierte der Kulturrat die Kulturforen, welche zum Ziel hatten, Wirtschaft, Kulturschaffende und Kulturveranstaltende sowie Gemeinden besser zu vernetzen. Themen waren die Kulturförderung in Randregionen, der Einbezug der (damals noch) Neuen Medien, v.a. die sogenannten Social Media. Dass mittlerweile auch die meisten kleinen Vereine, Chöre, Kirchenchöre, Musikvereine, Theatergruppen usw. ihre Homepage haben, ist sicher nicht unser Verdienst. Aber wir haben mitgeholfen, diese Entwicklung voranzutreiben. Das letzte Kulturforum galt dem Thema Film als Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Kultur.

Die Voraussetzungen für den Kulturpreis in der bisherigen Form haben sich geändert. In welche Richtung die Tätigkeit des Kulturrates weitergehen wird, wird sich zeigen.

Um den Bogen zum eingangs erwähnten Blick auf die Begriffsgeschichte zu schliessen: Kultur als sorgsamer Umgang mit etwas Wichtigem bedingt beides: Wir brauchen die namhaften, berühmten Kunstschaffenden. Sie sind Orientierungspunkte, Ansporn und Vorbilder. Gerade auch, wenn sie unbequem sind. Künstlerinnen und Künstler haben oft – gewiss nicht immer – ein Sensorium für Entwicklungen in der Gesellschaft. Aber wir brauchen auch den sorgsamen Umgang mit den Werten der Gemeinschaft, die Kultur im Kleinen, die Kultur der Gemeinden, der Vereine und auch die Kultur der losen Gruppen. Gerade jetzt. Ups, jetzt hätte mich das C-Wort doch noch beinahe erwischt.


Kurt Keller hat zehn Jahre im Kulturrat mitgewirkt und beendet seine Tätigkeit per Ende 2020. Diese Kolumne für den Monat November ist sein letzter Beitrag.