Kinder und Kleinkunst

10.09.2020 12:07:19 | Volkswirtschaft Berner Oberland, Kulturrat
Wie bringt man Kinder in Kontakt mit Kultur? In Thun findet jedes Jahr der Schweizerische Tag der Kleinkunst statt, in einem Format, das es in dieser Form nur hier gibt. Über 1'200 Schulkinder aus dem Raum Thun nehmen jeweils daran teil. Leuchtende Kinderaugen rechtfertigen den enormen Aufwand. Dieses Jahr fällt der Anlass ins Wasser. Kulturratsmitglied Kurt Keller will seinen Artikel dennoch nicht als Nachruf verstanden haben.

 

Meine Artikel stehen heuer unter einem ungünstigen Stern: Der Beitrag im Monat März (Mehr als «Kultur») fiel der Corona-Krise zum Opfer, und nun, im September, geht es erneut um ein Corona-Opfer. Dennoch ist es kein Nachruf.

Wie bringt man Kinder, konkret Schulkinder, in Kontakt mit Kultur? Bevor man an die Formulierung einer Antwort geht, gilt es zuerst den Begriff Kultur abzustecken. Der Begriff «Kultur» kann ja für das ganze Spektrum gestalteten Lebens verwendet werden. Für diesen Artikel bediene ich mich aber einer Engfassung des Begriffs und meine damit Formen künstlerischer Tätigkeit mit Eventcharakter. Diesen Events ist eine Aufteilung in Darbietende und Publikum gemeinsam, wobei aus dem polaren Gegensatz durchaus sehr lebendige Mischformen eines Miteinanders entstehen können.

Die Frage, woran es liegt, dass bei Klassischen Konzerten nur so wenige Menschen unter 40 und leider kaum Jugendliche und Kinder im Publikum gesehen werden, verdiente einen eigenen Artikel. Das soll aber nicht das heutige Thema sein; heute geht es um die heitere Muse, die Kleinkunst. Nach einer gängigen Definition beschreibt sich Kleinkunst als «kleine Ensembles mit kleinem technischen Aufwand auf kleinen Bühnen».

In Thun findet jedes Jahr der Schweizerische Tag der Kleinkunst statt, in einem Format, das es in dieser Form nur hier gibt: An acht Spielorten in der Stadt werden stets am zweiten Freitag im September einen Vormittag lang Kleinkunstanlässe geboten. Drei halbstündige Slots, mit jeweils einer halben Stunde Pause, damit die Schulklassen von einem Ort zum nächsten spazieren können. Über 1'200 Schulkinder aus dem Raum Thun nehmen jeweils daran teil. Die Organisatoren betonen einhellig, dass der Aufwand für so viele Spielorte und so viele Künstler*innen, so viel Infrastruktur usw. enorm sei. Aber wenn man dann leuchtende Kinderaugen sehe, wisse man, dass sich der ganze Aufwand gelohnt habe.

Warum funktioniert diese Formel? Warum-Fragen sind, wie wir alle nur zu gut wissen, trügerisch; das Leben ist zu komplex, um auf ein Warum? ein simples Darum! zu erwidern. Aber ein paar Gesichtspunkte lassen sich schon aufzählen. Kinder und Jugendliche (diese vielleicht in geringerem Masse, je nach den hormonellen Tumulten im Innern...) können sich leichter ganz in eine Situation einbringen. Ihnen ist das Spielerische noch unmittelbarer zu eigen. Die Kreativität der Künstler*innen kann auf sie ungefiltert inspirierend und anregend wirken. Lorenzo Manettis Sandbilder zum Beispiel, für die er nur einen alten Hellraumprojektor und Sand braucht, haben laut Aussagen von Lehrerinnen zu einer Welle von Nachahmungen und kreativen Abwandlungen geführt. Und dann gibt es ja eben diese vielfältigen Spielarten des Miteinanders während der Aufführungen; wer die Gesichter und die Körperhaltung der Schulkinder bei Maximilians Zauberschau auf dem Rathausplatz studiert, erkennt das. Die Polonaise am Schluss der Show des Theaters Eisenbarth ist eine weitere Form von Miteinander. Was in den Musikschulen, was bei der musikalischen Früherziehung usw. geleistet wird, gehört ebenfalls in dieses Themenfeld: Kreativität, Anregung, Inspiration, Vorzeigen, Mitmachen.

Dass heuer der Kleinkunsttag Corona-bedingt ausfallen musste, ist darum umso bedauerlicher. Immerhin: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben; alle Beteiligten sind übereingekommen, den Tag in fast identischer Form einfach um ein Jahr zu verschieben. Die Kinder haben es verdient.


www.kleinkunsttag-thun.ch


Kurt Keller unterrichtete jahrzehntelang Latein und Griechisch am Gymnasium Interlaken, arbeitet als Dozent für Griechisch an der Uni Bern und ist nebenbei in verschiedenen Vereinen im Bereich der Kleinkunst tätig. Im Kulturrat der Volkswirtschaft Berner Oberland ist er seit fast zehn Jahren aktiv.

Bildquellen: Maximilians Zauberschau: Christina Burghagen. Sandbild: Lorenzo Manetti. Polonaise: Theater Eisenbarth